Kooperationen und E-Commerce
14. Februar 2008Aus Anlass einer Pressemitteilung von heute (“Denkwerk relauncht mein-reisespezialist.de“) hab ich mir mal die E-Commerce-Projekte der Reisebüro-Kooperationen näher angesehen. Die Kooperationen suchen ja ständig nach neuen Wegen, und nachdem die Sache mit den Eigenveranstaltungen grandios gefloppt ist heißt der aktuelle Kooperationentrend offensichtlich: E-Commerce.
Das Prinzip ist einfach erklärt: Eine zentrale Website als Dachmarke der Kooperation wird von den vielen stationären Kooperations-Reisebüros beworben und so zu einem gewichtigen Spieler im deutschen Online-Reisemarkt. Von den Buchungen profitieren die Reisebüros, da jeder Kunde “sein” Reisebüro angeben muß, das dann (einen Teil der) Provision bekommt. Soweit so theoretisch.
Werfen wir einen Blick in die Praxis, auf die einzelnen Projekte der Kooperationen:
Onlineweg.de
Der Online-Vorreiter bei den Kooperaionen ist die TSS-Tochter Onlineweg.de, die schon seit einigen Jahren eine Webplattform für stationäre Reisebürs bietet. Der Erfolg der Mühen ist bislang aber eher bescheiden: Mit gerade mal 2 Mio. Euro Online-Umsatz in 2007 (Quelle: fvw-Interview) dümpelt die Seite von immerhin 1.500 Reisebüros vor sich hin – diese Zahl wird manches der 1.500 Reisebüros im stationären Geschäft alleine schaffen. Jetzt versucht Hans Simon über eine Beteiligungsgesellschaft Marketing-Gelder zu akquirieren: Reisebüros, Veranstalter und Leistungsträger sollen mit ins Boot genommen werden. Irgendwie kommt mir diese Idee bekannt vor: Ist nicht letztes Jahr erst die “Reisebüro-Vertriebs-Union” der Onlineweg-Mutter TSS mit einem ähnlichen Modell grandios gescheitert?
Simons Ziel: In die Top10 der deutschen Online-Reisebüros vorzustoßen. Nur: Dafür hätte Onlineweg schon 2006 über 60 Mio. Umsatz (Quelle: fvw-Doku Online-Portale 2006) benötigt, was konkret heißt: Schlappe 30x so viel Umsatz.
Nichts desto trotz versuchen sich auch die anderen Kooperationen fleissig im Internet:
Schmetterling
Schmetterling steckt noch höhere Ziele: “Mit Schmetterling.de wollen wir unter die Top 5 der Reisebüro-Portale”, so SMR-Mann Henry-Chales Eckert. Und man sieht den Startseiten direkt an, welch große Erwartung in sie gelegt wird:
- Eine Schnellsuche muss natürlich rein
- Top-Angebote selbstvertändlich auch
- Dann natürlich die Mission: “Das Reisebüro ist überall!” (zeitgemäß umgesetzt mittels Laufschrift – 1998 lässt schön grüßen)
- Eine Schnellsuche reicht aber natürlich nicht aus, bei dem großen Angebot, das die haben, also muss eine weitere Suchmaske drauf
- Was wir nicht noch alles haben! Muss alles gleich auf die Startseite! Ländersuche, Reiseberichte, Aida-special, Reisebüro-Suche (“Betreuung vor Ort” mit 3 !!! weil’s so sensationell ist) und und und.
Ich möchte fast wetten, dass die Seite das Ergebnis eines Arbeitskreises sind – jedem Teilnehmer ist noch was zusätzlich eingefallen, quasi gleich das Brainstorming umgesetzt. Als Krönung des ganzen (wen kümmern im Internetzeitalter noch Ländergrenzen!) bekommt das ganze eine .eu-Domain spendiert (Die Lastminute-Gruppe hat vor kurzem sogar lastminute.com zugunsten der .de eingestampft, weil die Kunden eben lieber bei .de kaufen als bei .com.)
RTK: Mein-Reisespezialist
Mein Favorit ist aber Mein-Reisespezialist.de, die RTK-Seite aus Burghausen. Website im Eigenbau funktioniert ja nicht so richtig, wie wir eben am Beispiel Schmetterling gesehen haben. Die Alternative liegt auf der Hand: Eine Agentur muß her! So ist auch RTK vorgegangen und hat mit Denkwerk einen (bisher) durchaus renommierten Vertreter der Zunft engagiert, der die eigene Website neu gelauncht hat. Das Ergebnis: Wow!
Ich will hier nicht ausfallen werden, aber bezahlt man für sowas tatsächlich Geld? Von den 10.000 deutschen Reise-Websites im Netz sind mindestens 9.000 besser. (Ich hab zunächst meinen browser-cache geleert und die Seite 10x neu geladen, dachte ich hab immer noch die alte Version vor dem Relaunch am Bildschirm).
Geld muß auch für die Verleihung der Auszeichnung “Reise-Website des Monats Januar 2008” geflossen sein, den Ulysses vergeben hat. Zitat: “Vor allem die Übersichtliche Präsentation der Startseite” habe zu der Entscheidung geführt. Die konnten eigentlich außschließlich Schmetterling.de.eu als Vergleich gehabt haben… (Zu Ulysses komm ich demnächst nochmal in einem eigenen Beitrag, die Brüder verzapfen auch anderswo v.a. Unsinn.)
Die Grundsatzproblematik ist ähnlich wie bei Schmetterling, die Details sind jedoch verschieden: Kaum etwas wirkt unpersönlicher als ein gefaktes Foto mit lauter schönen, glücklichen Menschen. Überschrift: “Online & persönlich”. Klar. Passend dazu natürlich eine 01805er-Nummer – persönlicher Service per Call-Center.
Weitere Erkenntnisse der Seite aus Burghausen: Nutzer klicken niemals auf Fotos und möchten viel viel Test glich auf der Startseite, damit man in der Unordnung wenistens was zu lesen hat. Mehr erübrigt sich an dieser Stelle eigentlich, möge sich jeder selbst ein Bild vom Reisespezialisten machen.
Fazit
Liebe Kooperationen: Eurere E-Commerce-Offensiven in Ehren, aber so wird das in 100 Jahren nix. Und hier ist nur das Frontend, also die Website betrachtet. Wie die Prozesse hintenrum laufen und v.a. wie stark die Reisebüros dabei mitmachen steht nochmal auf einem ganz anderen Blatt.

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